Häufige Fragen

Wir verstehen Transformation als einen umfassenden und politisch gestalteten Wandel, der aus autoritären Systemen und staatlich dominierten oder klientelistischen Wirtschaftsordnungen heraus in Richtung Demokratie und Marktwirtschaft erfolgt. Dies impliziert jedoch weder die Vorstellung einer linearen Entwicklung noch die eines unumkehrbaren Transformationspfades oder einer idealen Abfolge von Reformen. Autoritäre Rückfälle und Stagnationsphasen sind ebenso möglich wie Umwege und Ungleichzeitigkeiten der Entwicklung. Rechtsstaatliche Demokratie und sozialpolitisch flankierte Marktwirtschaft stellen Ziele, aber nicht notwendigerweise unmittelbare Prioritäten in komplexen Entwicklungsprozessen dar. Viele Staaten haben einschneidende, zum Teil revolutionäre Entwicklungsetappen oder einen umfassenden Systemwandel noch vor sich, manche Staaten streben sie derzeit gar nicht an.

Zwischen den 129 im BTI untersuchten Ländern bestehen teils erhebliche Unterschiede bezüglich ihrer Größe und Wirtschaftskraft, ihres sozioökonomischen Entwicklungsniveaus und ihrer politischen Kultur. Um aussagekräftige Vergleiche hinsichtlich des Transformationsstands und der Qualität des politischen Managements zu ziehen, bezieht sich der BTI im Rahmen seiner Fokussierung auf nationale Regierungsführung deshalb auf Variablen, die in allen Ländern erhoben werden können – von staatlichem Gewaltmonopol oder Pressefreiheit über Bankenregulierung und Bildungspolitik bis hin zu Ressourceneffizienz oder Konfliktmanagement. Hier erlauben Vergleiche auch zwischen sehr unterschiedlichen Staaten interessante Aufschlüsse über die Funktionsfähigkeit politischer Institutionen und die Steuerungsqualität in Transformationsprozessen.

Besondere Sorgfalt ist im der Untersuchung zugrunde liegenden Codebuch darauf verwendet worden, die Fragestellungen ohne kulturellen oder regionalen Bias zu formulieren und so deren Anwendbarkeit auf ganz unterschiedliche Staaten zu gewährleisten. Die Bezugnahme des BTI auf den nationalstaatlichen Rahmen beinhaltet allerdings auch, dass transnationale Entwicklungen und regionale Disparitäten auf subnationaler Ebene nur eingeschränkt untersucht werden können und sich einer quantitativen Bewertung weitgehend entziehen.

Der normative Bezugspunkt der Analysen und Bewertungen des BTI sind eine rechtsstaatliche Demokratie und eine sozialpolitisch flankierte Marktwirtschaft. Beide Untersuchungsdimensionen stehen in einem engen empirischen und funktionalen Zusammenhang, der auch durch die hohe Korrelation der gemessenen BTI-Einzelwerte bestätigt wird. Ebenso sind die grundlegenden marktwirtschaftlichen und demokratischen Institutionen aufeinander angewiesen. Damit ist jedoch kein Entwicklungsautomatismus vorgezeichnet. Insbesondere impliziert die Orientierung an den Zielen von Demokratie und Marktwirtschaft keine weitreichenden inhaltlichen Festlegungen oder Beschränkungen für Reformprogramme, da kein wissenschaftlicher Konsens über den besten Weg zu Demokratie und Marktwirtschaft existiert. Ebenso wenig erhebt die vorliegende Untersuchung Anspruch darauf, die optimale Abfolge von demokratischen und ökonomischen Reformen zu kennen, etwa dass die Einführung der Marktwirtschaft der Demokratisierung vorausgehen sollte oder umgekehrt.

 Der Transformationsindex macht seine normative Verortung vollständig transparent und unterscheidet sich damit bewusst von einer Vielzahl anderer Untersuchungen. Der BTI geht davon aus, dass beispielsweise die Bedürfnisse, über die Zusammensetzung der Regierung mitbestimmen zu wollen, frei von willkürlicher Verhaftung oder Folter zu sein und sich auf unabhängige Gerichte oder unveräußerliche Rechte berufen zu können, nicht auf einen Kulturkreis beschränkt ist. Ebenso unterstellt diese Untersuchung, dass es ein universelles Bestreben ist, frei von Hunger, Armut und Krankheit zu sein, dass es also nicht allein solide Wachstumsraten und wirtschaftliche Freiheit anzustreben gilt, sondern auf sozialen Ausgleich und die Nachhaltigkeit der Wirtschaftsentwicklung geachtet werden muss. Dabei nimmt der BTI keine Festlegung auf bestehende institutionelle Modelle vor, wie etwa das deutsche Modell der sozialen Marktwirtschaft oder das europäische Modell rechtsstaatlicher Demokratie. Vielmehr können die genannten Grundnormen und -funktionen rechtsstaatlicher Demokratie und sozialpolitisch flankierter Marktwirtschaft auf unterschiedliche Weise angemessen verkörpert sein.

Die ausführlichen Länderberichte bilden die Grundlage für alle Bewertungen und Analysen des BTI, ihre Qualität ist ausschlaggebend für die Verlässlichkeit und Aussagekraft des Messinstrumentes. Einer sorgfältigen Auswahl der Gutachter kommt deshalb eine besondere Bedeutung zu. Der Transformationsindex hat ein Netzwerk von 
248 Experten für 129 Länder von führenden Forschungseinrichtungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen aufgebaut. Die erfahrenen Länderexperten werden maßgeblich auf Empfehlung der Regionalkoordinatoren, aber auch von anderen Mitgliedern des BTI-Boards oder des Projektteams ausgewählt. Bei der Wahl der Ländergutachter wird neben der fachlichen Expertise insbesondere auf Unabhängigkeit und Unvoreingenommenheit geachtet. 

Aufgrund seines umfassenden Untersuchungsansatzes und der besonderen Berücksichtigung politischer Gestaltungsfähigkeit ist der BTI als weltweit führendes Messinstrument für den systematischen Vergleich von Transformationsprozessen anerkannt. So wird er zum Beispiel von der britischen, deutschen und US-amerikanischen Regierung als Gradmesser zur Bewertung ihrer Partnerländer genutzt. Zusätzlich wird er von Organisationen wie der Mo Ibrahim Foundation, Transparency International oder der Weltbank in ihren eigenen Untersuchungen einbezogen. Der BTI hat eine weite Verbreitung in Wissenschaft und Medien gefunden und wird zudem von reformorientierten zivilgesellschaftlichen Gruppen und Politikern in Entwicklungs- und Transformationsländern als Instrument für einen kritischen Dialog genutzt.

 Die Zusammenfassung von Einzelwerten in aggregierten Indizes sowie die Ausweisung von Ranglisten sind in erster Linie Mittel der Zuspitzung und öffentlichen Vermittlung. Dieses Vorgehen reduziert notwendigerweise Komplexität, um Unterschiede zwischen einzelnen Ländern besonders zu markieren, Entwicklungstrends aufzuzeigen und Schlüsselfaktoren für Fortschritte identifizierbar zu machen. Allerdings kann die Fokussierung auf Ranglisten und die isolierte Betrachtung einer oder weniger Kennzahlen eine differenziertere Analyse der Stärken und Schwächen eines Landes nicht ersetzen. Dafür sind die nicht aggregierten Einzelwerte sowie die ausführlichen Länderstudien und Regionalberichte des BTI unabdingbar, die alle online zugänglich sind.

 Wird ein Land im BTI als Autokratie eingestuft, so ergeben sich daraus Konsequenzen für die Bewertung weiterer demokratiebezogener Fragen. So ist eine effektive Regierungsgewalt demokratisch gewählter Herrschaftsträger nicht gegeben, wenn die Regierung nicht durch hinreichend freie und faire Wahlen bestimmt wurde, unbeschadet der Frage, ob die Regierung ansonsten stabil ist. Ebenfalls niedrig bewertet werden die Leistung und Akzeptanz demokratischer Institutionen, selbst wenn es sich um ein anerkanntes und effektives Institutionengefüge handeln sollte, dem aber die demokratische Legitimation fehlt. Im Management-Index wird eines von vier Kriterien unter Berücksichtigung der normativen Zielsetzungen des BTI bewertet: Das Kriterium Gestaltungsfähigkeit umfasst Einzelfragen zur Fähigkeit der jeweiligen Regierung, strategische Prioritäten festzulegen und beizubehalten, die davon abgeleiteten Reformpolitiken zu implementieren sowie bei Politikformulierung und -umsetzung flexibel und innovativ zu sein. Bei der Bewertung wird berücksichtigt, ob eine Regierung sowohl Demokratie als auch Marktwirtschaft als übergeordnete Ziele verfolgt, um zu gewährleisten, dass eine effektive Priorisierung, Implementierung und Lernfähigkeit zur Zementierung eines autoritären Regimes nicht positiv bewertet wird.