Für internationale Beobachter scheint das Urteil oft klar: Das subsaharische Afrika, insbesondere die Staaten in West- und Zentralafrika, stehen für Kriege, Krisen, Krankheiten und Katastrophen. Und zweifellos lassen sich auch für den Untersuchungszeitraum des BTI 2016 zahlreiche Belege für dieses Urteil finden. Da ist die religiös motivierte Gewalt, die auf dem Vormarsch zu sein scheint: In Nigeria tobte der islamistische Terror und begann, auf die Nachbarstaaten überzugreifen. In der Zentralafrikanischen Republik kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen, die zahlreiche Opfer forderten.

Die Ebola-Epidemie bedrohte zeitweise große Teile Westafrikas und beherrschte auch die Schlagzeilen in westlichen Medien. In den meisten Ländern stellt Armut trotz des Reichtums an Ressourcen ein erhebliches Problem dar. Und schließlich bleibt die Armee vielerorts ein zentraler politischer Akteur: In Mauretanien konsolidierten die Militärs ihre Macht im Schatten einer Fassadendemokratie, in Burkina Faso stürzten sie den langjährigen Präsidenten Blaise Compaoré, dessen Pläne für eine Amtszeitverlängerung Unruhen ausgelöst hatten.

Dem entgegen stehen positive Entwicklungen und Ereignisse, oftmals von der westlichen Öffentlichkeit unbeachtet, die Anlass zur Hoffnung geben. Klassische modernisierungstheoretische Vorstellungen von den Erfolgsbedingungen von Demokratie erwarten unter den sozialen und ökonomischen Bedingungen der Region eigentlich nicht die Ausbildung demokratischer Regierungssysteme. Es ist angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen äußerst bemerkenswert, dass mehr als die Hälfte der Staaten der Region trotz einiger Defekte als Demokratien betrachtet werden können. Das ist ein Novum: Nie zuvor hat der BTI in West- und Zentralafrika mehr Länder als demokratisch regiert eingestuft. Friedliche Machtwechsel an der Wahlurne häufen sich.

Ermutigung gibt es auch im sozioökonomischen Bereich. Trotz fortbestehender Armut zeigt sich in langfristiger Perspektive eine Verbesserung des Lebensstandards. Insbesondere seit dem Jahr 2000 sind die Werte im Human Development Index (HDI) der UN erheblich gestiegen. Ab dem Jahr 2000 sind die Zugewinne größer als in den meisten anderen BTI-Regionen – interessanterweise mit der Ausnahme des südlichen und östlichen Afrika.

Abseits dieser Entwicklungen bestätigt der BTI 2016 zentrale Befunde der vergangenen Untersuchungen: Westafrika ist bei der politischen und wirtschaftlichen Transformation grundsätzlich weiter fortgeschritten als Zentralafrika. Der Stand der politischen Transformation ist höher als der ökonomische Entwicklungsstand, der so niedrig wie in keiner anderen Region ist. Die strukturellen Hindernisse für erfolgreiches Transformationsmanagement, die der BTI im Schwierigkeitsgrad misst, sind in West- und Zentralafrika nach wie vor am höchsten im weltweiten Vergleich. Die ermutigenden Befunde im Bereich der internationalen Zusammenarbeit müssen auch vor dem Hintergrund der Abhängigkeit von Entwicklungszusammenarbeit gesehen werden.

Mit Blick auf einzelne Länder sind die Côte d'Ivoire und besonders Mali eindeutige Aufsteiger im Management-Index. Beide verzeichnen erhebliche Fortschritte nach heftigen gewaltsamen Auseinandersetzungen. Positive Entwicklungen zeigen auch der Senegal und – mit etwas größeren Einschränkungen – Guinea. Im Senegal gibt es seit dem Wahlsieg des neuen Präsidenten Macky Sall im Jahre 2012 und der relativ erfolgreichen Bekämpfung der Ebola-Krise einen Aufwärtstrend. In Guinea konnten nach langen Verzögerungen im September 2013 Parlamentswahlen abgehalten werden.

Ghana bleibt in den meisten Transformationsbereichen und bei vielen Indikatoren der Spitzenreiter der Region. Unverkennbar sind indes wachsende Defizite, etwa in der Korruptionsbekämpfung und der Fiskalpolitik. Eine Reihe von Ländern wie Mauretanien und Togo haben einst ermutigende Ansätze nicht weiter ausbauen können. Regime wie die Zentralafrikanische Republik, die Demokratische Republik Kongo und der Tschad finden sich regelmäßig am Ende der Bewertungen der Transformationsleistungen.

Nigeria, das mit über 150 Millionen Einwohnern weitaus größte Land der Region, verkörpert die Ambivalenz der Entwicklungen vielleicht am besten. Zum einen litt das Land unter der Gewalt der Terrorgruppe Boko Haram, zum anderen gelang es kurz nach dem Ende des Beobachtungszeitraums des BTI Wahlen zu organisieren, die den ersten friedlichen Machtwechsel in der Geschichte des Landes herbeiführten. Der bisherige Amtsinhaber Goodluck Jonathan gestand seine Niederlage gegen seinen Herausforderer Muhammadu Buhari ein und verhinderte damit wahrscheinlich größere politische Turbulenzen.

Die Demokratien und der Terror

Einerseits verzeichnete der BTI in der Region noch nie zuvor so viele demokratisch regierte Länder, andererseits kommt es vor allem in Teilen Westafrikas zu immer mehr religiös motivierter Gewalt. Noch hält sich der politische Einfluss des Fundamentalismus in Grenzen.

Eine Demokratie ohne größere Defekte – die gibt es aus Sicht des BTI derzeit nicht in West- und Zentralafrika. Der regionale Spitzenreiter Ghana, der vor zwei Jahren diese Schwelle knapp überschritten hatte, fiel insbesondere im Bereich der Korruptionsbekämpfung zurück. Und dennoch: Weil sich Mali und Guinea aus der Gruppe der Autokratien zurückgemeldet haben, verzeichnet der BTI in der Region erstmals eine Mehrheit von demokratisch regierten Staaten.
Die Fortschritte sind allerdings noch zu zaghaft, um von einer stabilen Entwicklung zu sprechen. Insbesondere Mali ist noch weit entfernt von seinem Transformationsstand vor dem Bürgerkrieg – zumal die islamistischen Aufständischen im Norden des Landes noch nicht vollständig besiegt sind. Die Côte d’Ivoire steht vor der Herausforderung, eine echte Versöhnung mit den Besiegten des Bürgerkriegs, den Anhängern des vorherigen Präsidenten Laurent Gbagbo, zu erreichen. Dieser wartet auf seinen Prozess vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag.

Zwei Autokratien fielen weiter zurück. In Kamerun bleibt der langjährige und inzwischen mit über 80 Jahren betagte Herrscher Paul Biya weiter im Amt und ist in der Region damit einer der dienstältesten „Dinosaurier“, wie die „Präsidenten auf Lebenszeit“ im subsaharischen Afrika spöttisch genannt werden. Die politische Transformation stagniert und die ungelöste Nachfolgefrage lässt wenig Gutes erwarten für das abzusehende Ende seiner Amtszeit.
In Burkina Faso stürzte indes ein „Dinosaurier“. Blaise Compaoré, 1987 selbst durch einen Putsch an die Macht gekommen, scheiterte Ende Oktober 2014 mit seinem Versuch, die verfassungsmäßige Amtszeitbegrenzung abzuschaffen am Unmut der Bevölkerung. Als die Proteste eskalierten, setzte das Militär Compaoré schließlich ab und eine zivile Übergangsregierung ein.

Wahlen sowie andere Elemente der politischen Partizipation wie Meinungs-, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit gehören in der Gesamtschau ohnehin zu den positiven Merkmalen in der Entwicklung der politischen Transformation. Natürlicher Tod, die Niederlage in einem Bürgerkrieg oder ein Militärputsch haben als Grund für einen Machtwechsel an der Spitze der Staaten zunehmend ausgedient. Zudem gibt es immer häufiger friedliche Machtwechsel an der Wahlurne, was vor 1990 weitestgehend undenkbar war. In Benin, Ghana, Senegal und Sierra Leone wurden bereits Regierungen durch weitgehend freie und faire Wahlen abgelöst.

Nigeria ist das jüngste und wahrscheinlich bemerkenswerteste Beispiel eines friedlichen und demokratischen Machtwechsels. Zunächst waren die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen wegen der schlechten Sicherheitslage infolge des Konflikts mit der Terrorgruppe Boko Haram auf Ende März 2015 verschoben worden, was schwere Befürchtungen geweckt hatte. Die Unfähigkeit der Regierung Jonathan, die Gewalt wirksam einzudämmen, trug zu dem deutlichen Wahlsieg seines Herausforderers Buhari bei.

Wie würde der Amtsinhaber reagieren? Die Spannung löste sich nach wenigen Stunden, als Jonathan seine Wahlniederlage einräumte und dem Herausforderer zum Wahlsieg gratulierte. Ein historischer Moment, der den ersten friedlichen Machtwechsel in der Geschichte des Landes markierte und weiteres Blutvergießen vermied.

Zugleich verweist der Kontext der Wahlen auf eine besondere Herausforderung, die sich in weiten Teilen des subsaharischen Afrika auszubreiten beginnt: die organisierte Gewalt und damit verbunden der aggressive Islamismus. Während der afrikanische Islam lange als besonders moderat und wenig anfällig für extremistische Auslegungen galt, befinden sich nun nicht nur in Nigeria und – wie vor wenigen Jahren in Mali – extremistische Islamisten auf dem Vormarsch. Erste Anzeichen sind im Tschad und in Kamerun bereits zu spüren. Auch im Niger kam es zu islamistischen Aufwallungen nach der Veröffentlichung von islamkritischen Karikaturen in der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“. Im Januar 2015 wurden über 40 Kirchen im Süd-Niger niedergebrannt. Auch in anderen vorwiegend muslimischen Ländern wie dem Senegal kam es zu heftigen Protesten.

In der Zentralafrikanischen Republik spielte die Religion bei der Gewalt ebenfalls eine Rolle – allerdings in anderer Form. Hier kam es zu Auseinandersetzungen zwischen christlichen Milizen, die sich zunächst gegen eine muslimische Regierung gewehrt hatten, die aus Séléka-Rebellen hervorgegangen war. Nach dem Sturz der Rebellenregierung setzen diese Milizen ihre Angriffe auf die muslimische Minderheitsbevölkerung fort. Die zentralafrikanische Übergangsregierung und die UN-Friedenstruppen hatten große Mühe Übergriffe zu verhindern.

Und dennoch: Zumindest bislang ist der Einfluss religiöser Dogmen auf die Politik relativ schwach. In mehr als zwei Dritteln aller Länder ist religiöse oder ethnische Vielfalt trotz des Konfliktpotentials nicht zwangsweise ein Problem. Gefragt – und möglich – ist daher eine Politik, welche die Radikalisierung entschärft oder besser noch verhindert. Dazu gehören nicht zuletzt ökonomische Perspektiven für junge Menschen, welche sie gegen die Verlockungen des Extremismus immunisieren.

Stabile Preise machen noch keine nachhaltige Entwicklung

West- und Zentralafrika ist die wirtschaftlich am schwächsten entwickelte Region. Armut und soziale Exklusion sind weit verbreitet. Doch die Lebensbedingungen haben sich in den vergangenen Jahren verbessert.

Mit Hilfe des Kriteriums „Soziökonomisches Entwicklungsniveau“ fragt der BTI nach dem Grad von Armut, Ungleichheit und Exklusion. Die Antwort der Experten aus West- und Zentralafrika ist immer wieder ebenso eindeutig wie deprimierend: Im BTI 2016 verharren neun der 18 Staaten auf dem schlechtesten aller möglichen Werte, fünf weitere erreichen nur den zweitschlechtesten Wert. Auch die übrigen Länder Ghana (4 Punkte), Kamerun, die Republik Kongo und Mauretanien (alle 3) liegen unter dem Durchschnitt aller untersuchten Staaten weltweit.

Auch die Struktur der Volkswirtschaften zeigt fundamentale Defizite, seien es die Wettbewerbsordnung, das Bankensystem oder der Schutz von Privateigentum. Eine spezifische Problematik ist die Abhängigkeit so vieler Volkswirtschaften vom Export von Rohstoffen wie Erdöl, Diamanten, Uran, Kupfer oder Kakao. Besonders schwache Sozial- und Bildungssysteme verschärfen diese Defizite noch.

Und dennoch gibt es Lichtblicke, die die westliche Öffentlichkeit weitgehend übersieht. So zeigt ein Blick auf eine langjährige Entwicklung, dass sich wesentliche Elemente der menschlichen Entwicklung über die Jahrzehnte trotz fortbestehender Probleme verbessert haben. Die unmittelbare Wirtschaftsleistung stellt sich in doch mindestens einigen Staaten positiv da. Generell gehört die wirtschaftliche Leistungsstärke zu den besseren Teilen der wirtschaftlichen Entwicklung. Hier werden mit Ausnahme der Zentralafrikanischen Republik mittlere Werte zwischen 5 und 7 erreicht. Auch die Preise und Währungen sind in vielen Staaten hinreichend stabil. Das ist gerade für die Ärmsten der Armen wichtig, da sie die Inflation am unmittelbarsten bedroht.
Im Rahmen der Währungsunion des Franc CFA, der an den Euro gekoppelt ist, bestimmen unabhängige Zentralbanken für jeweils West- und Zentralafrika die Geld- und Wechselkurspolitik.

Die Westafrikanische Zentralbank ist effizienter als die Zentralafrikanische Zentralbank. Im Gegenzug für eingeschränkte nationale Gestaltungsfähigkeit erreichen die Mitglieder der Währungsunion (Benin, Burkina Faso, Côte d’Ivoire, Kamerun, Mali, Niger, Senegal) eher niedrige Inflationsraten. In jüngerer Vergangenheit ist zudem eine Diskussion aufgekommen, ob die Kopplung an den Euro angesichts der Turbulenzen um die europäische Gemeinschaftswährung nicht auch erhebliche Nachteile bergen könnte. Dies ist sicher nicht ausgeschlossen, für die Gegenwart und jüngere Vergangenheit lässt sich aber wohl festhalten, dass diese Kopplung mehr Vor- als Nachteile erbracht hat.

Die Ambivalenz, die der BTI der wirtschaftlichen Transformation in West- und Zentralafrika bescheinigt, wird durch die längerfristigen Datenerhebungen der Vereinten Nationen bestätigt: Einerseits ist der Human Development Index (HDI) zwischen 2000 und 2013 (letzter verfügbarer Wert) stärker gestiegen als in allen anderen Regionen des BTI, mit Ausnahme des südlichen und östlichen Afrikas – ein deutliches Indiz, dass es mit den Lebensbedingungen aufwärts geht. Andererseits ist das subsaharische Afrika die einzige Region der Welt, in der die Millenniumsziele der UN zur Bekämpfung extremer Armut verfehlt wurden. Lebten im Jahr 1990 der UN zufolge hier 57 Prozent der Menschen in extremer Armut, waren es 2015 noch immer 41 Prozent – die avisierte Halbierung der Armut ist in weiter Ferne.

Mit Blick auf kurzfristige Veränderungen sind die deutlichen Verbesserungen in Mali und der Côte d’Ivoire mit Blick auf die begonnene Redemokratisierung wenig überraschend. Auch die Volkswirtschaften dieser Länder profitieren vom Ende der gewaltsamen Auseinandersetzungen. Damit verbunden ist eine Einschränkung: Generell haben Nachkriegsökonomien ein höheres Wachstumspotential, da sie von einem niedrigeren Niveau ausgehen. Auch der Aufstieg des Senegals von einer schlecht funktionierenden Marktwirtschaft zu einer mit Funktionsdefiziten darf nicht überschätzt werden. Für diesen Sprung in eine höhere BTI-Kategorie reichte nämlich schon eine leichte Verbesserung.

Als ökonomische Verlierer identifiziert der BTI 2016 die Zentralafrikanische Republik und Ghana. Für die Zentralafrikanische Republik ist dafür vor allem der Gewaltkonflikt verantwortlich, der das Land erschüttert. Die negative Entwicklung in Ghana ist da schon überraschender. Das Land war in den vergangenen Untersuchungen des BTI stets der Primus, obschon sich Stagnationstendenzen bereits abzeichneten. Augenfällig ist nun insbesondere eine mangelhafte Fiskaldisziplin. Die Schulden und das Defizit stiegen erheblich. Auch die Korruptionsbekämpfung bleibt unzureichend. Beobachtet werden muss weiter, wie sich die Erdölproduktion auf die weitere politische und ökonomische Entwicklung auswirkt. Denn im Umgang mit natürlichen Ressourcen zeigt sich gerade in Schwellenländern die Kunst des verantwortlichen Regierens – wie der Blick auf das Transformationsmanagement zeigt.

Grundlagen der sozialen Sicherung fehlen

Vom Umgang mit Seuchen und Flüchen

West- und Zentralafrikas Regierungen kämpfen mit zahlreichen Herausforderungen gleichzeitig. Viele Probleme sind strukturell bedingt und erfordern langfristige Antworten. Die Abhängigkeit von den Einkünften aus Rohstoffexporten stellt besondere Anforderungen an die Politik.

Grundsätzlich ist der Stand der politischen und wirtschaftlichen Transformation untrennbar mit dem entsprechenden Management verbunden – und die Korrelationen von Status und Management sind entsprechend hoch. Allerdings ist dies kein deterministischer Zusammenhang. Dass gute Steuerungs- und Implementationsleistungen trotz eines niedrigen Transformationsstands und eines hohen Schwierigkeitsgrades gelingen können, belegen immerhin fünf Länder in West- und Zentralafrika. Dabei gibt es mit Senegal einen neuen Spitzenreiter, der den Vorrundensieger Ghana auf den zweiten Platz verdrängt hat. Ein Drittel aller Staaten zeigt ein mäßiges Transformationsmanagement. Die Zentralafrikanische Republik, Mauretanien, Nigeria, Kamerun und die Republik Kongo werden schwach regiert, die Regierungen im Tschad und der Demokratischen Republik Kongo streben keine Transformation zu Demokratie und Marktwirtschaft an, betreiben also kein politisches Management im Sinne des BTI.

Ein besonderes Merkmal des Transformationsmanagements in West- und Zentralafrika ist der ausgesprochen hohe Schwierigkeitsgrad für gutes Regieren. In keiner Region der Welt sind die Herausforderungen größer. Es geht dabei um die Belastung mit Gewaltkonflikten oder dem Umgang mit den Hinterlassenschaften von Krieg, Gewaltherrschaft und Tyrannei. Nur wenige Staaten schaffen es, mit vergangenem Unrecht angemessen und sensibel umzugehen. Fehlende zivilgesellschaftliche Traditionen belasten vielerorts die demokratische Entwicklung. Strukturelle Faktoren wie Desertifikation und eine rudimentäre Infrastruktur tun häufig ihr Übrigens, um die sozioökonomische Entwicklung zu erschweren.

Seit Anfang 2014 werden diese Herausforderungen von der akuten Bedrohung durch die Ebola-Seuche noch in den Schatten gestellt. Nach Ansicht der Hilfsorganisation Oxfam handelte es sich um den schlimmsten Ausbruch einer solchen Epidemie, der jemals aufgezeichnet wurde. Bis August 2015 hatten sich nach UN-Angaben knapp 28.000 Menschen angesteckt, über 11.000 starben an der hoch infektiösen Krankheit. Besonders stark betroffen sind Sierra Leone, Liberia und Guinea. Obwohl die Epidemie inzwischen weitgehend eingedämmt werden konnte, ist eine erneute Eskalation der Lage nicht auszuschließen.

Die Seuche hat Auswirkungen auf die Volkswirtschaft, vergrößert die Armut und schwächt die vorhandenen Gesundheitssysteme. Sie ist aber gleichzeitig auch ein Gradmesser für die Leistungsfähigkeit der Regierungen. So gesehen sind die vielen Toten in Sierra Leone, Liberia und Guinea auch ein Indiz für die Rückständigkeit der Gesundheitssysteme. In Guinea wurden Ärzteteams sogar angegriffen. Dass die Seuche nicht in der Côte d’Ivoire und dem Senegal Fuß fassen konnte, lag auch daran, dass schnell die notwendigen Vorsorgemaßnahmen ergriffen wurden.

Ein weiterer Vergleich unterstreicht, wie sehr es auf gutes Transformationsmanagement ankommt. Die Rede ist vom „Ressourcenfluch“, einem politikwissenschaftlichen Theorem, das in Bezug auf West- und Zentralafrika besonders relevant ist. Alle 18 Länder der Region sind überdurchschnittlich stark abhängig vom Rohstoffexport, neun Länder liegen selbst über dem subsaharischen Durchschnitt. Besonders ausgeprägt ist diese Abhängigkeit bei den Erdölproduzenten Republik Kongo, Mauretanien und Tschad. In der Demokratischen Republik Kongo und Liberia ist sie zwar nicht minder groß, verteilt sich aber auf verschiedene Ressourcentypen.

Der Ressourcenfluch – eine Last, aber kein Schicksal

Der „Ressourcenfluch“ besagt, dass hohe Einnahmen aus dem Rohstoffsektor Inflationseffekte erzeugen und andere Exportsektoren weniger wettbewerbsfähig machen. Dieser als „Holländische Krankheit“ bekannte Effekt wird durch eher psychologische Effekte weitere verschärft. Der scheinbare Reichtum verleitet gemäß dieser Annahme dazu, hohe Schulden aufzunehmen, großzügige und unsinnige Ausgaben zu tätigen oder andere Wirtschaftssektoren zu vernachlässigen. Wenn die Preise fallen, stehen die betroffenen Volkswirtschaften vor verschärften Problemen, schließlich können die negativen Effekte die Demokratie beschädigen, die Korruption fördern und zu Konflikten führen.

Freilich sind für diesen „Fluch“ keine übernatürlichen Kräfte nötig. Wie das Beispiel West- und Zentralafrikas beweist, besteht eine deutliche negative Korrelation zwischen dem Grad der Abhängigkeit von natürlichen Ressourcen und der Managementleistung. Ein extremes Negativbeispiel aus der Region ist der Tschad, wo bereits vor Jahren ein Managementsystem, das die Verwendung der Erdöleinnahmen für Militärausgaben nicht gestattete, von der Regierung aufgegeben wurde. Auch die Führung der Republik Kongo unternimmt keinerlei Anstrengungen, die Ökonomie zu diversifizieren, obwohl die Endlichkeit der Ressource Erdöl allen Verantwortlichen klar sein muss. Nigeria zeigt ebenfalls fast alle Symptome des „Ressourcenfluchs“. Insbesondere der Diebstahl von Öl aus Tankern und angezapften Pipelines ist notorisch. Der neue Präsident Buhari steht auch im Management des Erdölsektors vor einer Herkulesaufgabe.

Dass es auch anders geht, wollen Ghana und Guinea beweisen. In Guinea hat die Regierung Condé die Gesetzgebung im Ressourcensektor reformiert und geht auch gegen Korruption vor. In Ghana ließ man sich vor Beginn der Erdölförderung von ausländischen Experten beraten. Vor allem norwegische Berater fanden Gehör. Bislang hat der „Ressourcenfluch“ dort noch keine Spuren hinterlassen.

Für einen unverstellten Blick

Fast alle Staaten West- und Zentralafrikas stehen vor einer ungewissen Zukunft. Man darf gespannt sein, wie Nigerias neuer Präsident Buhari den gewaltigen Herausforderungen begegnet: den islamistischen Kämpfern von Boko Haram, der Armut und Korruption, dem Management des Erdölsektors. Für Post-Konfliktstaaten wie Mali und die Côte d’Ivoire gilt es, den eingeschlagenen Weg zielstrebig und zügig weiterzuverfolgen. Ob es in Burkina Faso nach dem erneuten Putsch und dem Absetzen der Übergangsregierung durch das Militär im September 2015 gelingt, bald die ersten demokratischen Wahlen in der Geschichte des Landes durchzuführen, ist fraglich. Die Zentralafrikanische Republik steht vor noch größeren Herausforderungen.

Die schwierige Lage in vielen Ländern West- und Zentralafrikas verdient Aufmerksamkeit. Es genügt, an die Flüchtlingsströme über das Mittelmeer und die Bedrohung durch den Islamismus zu erinnern, um die Verbindungen zwischen dem afrikanischen Kontinent und den Ländern des Westens zu erkennen.

So sehr das Klischee vom Kontinent der Krisen, Kriege, Krankheiten und Katastrophen auch trügt: Genauso töricht wäre es, negative Ereignisse und Entwicklungen zu leugnen. Gerade die Sehnsucht nach positiven Beispielen, nach „Leuchttürmen“ und „Musterländern“, hat in der Vergangenheit mehr als einmal zu übertriebenem Optimismus geführt. Mali war solch ein Beispiel, nun zeigt sich im Fall Ghana, wie weit der Weg zu einer selbsttragenden Transformation ist.

So differenziert die Realität der Region, so uferlos die Liste möglicher Ratschläge. Einige Ansätze scheinen aber besonders wichtig: Die politische Transformation muss nicht zuletzt um stabile Rahmenbedingungen bemüht sein, um darauf tragfähige demokratische Entscheidungsprozesse aufbauen zu können. Militärs müssen ihre Aufgaben professionell wahrnehmen. Zur Vertiefung der politischen Transformation gehört der Ausgleich zwischen ethnischen und religiösen Identitätsgruppen.

Wer aber insbesondere die junge Generationen vor den Irrwegen religiöser und anderer Extremisten bewahren will, muss Perspektiven für ein menschenwürdiges Dasein aufzeigen, und dies meint: Arbeitsplätze, effektive Gesundheitssektoren und tragfähige soziale Sicherungssysteme. Staaten, die von Rohstoffexporten abhängig sind, müssen die Diversifizierung ihrer Ökonomien vorantreiben, die Einnahmen sozial verträglich verteilen und in Infrastruktur und Bildung investieren. Nur so können die Aussichten der jungen Menschen nachhaltig verbessert werden.

Die Eliten der Region bleiben aufgerufen, dem Gemeinwohl zu dienen und nicht den eigenen Machterhalt in den Vordergrund zu stellen. Das Vorantreiben der politischen und wirtschaftlichen Transformation ist vor allem eine Aufgabe der Bürgerinnen und Bürger selbst. Dies lehrt nicht zuletzt die Erkenntnis, dass Entwicklungszusammenarbeit akute Notsituationen lindern und positive Entwicklungen unterstützen, im besten Fall sogar initiieren kann. Eine Transformation von außen ist aber schlechterdings unmöglich. Kritik an der Entwicklungszusammenarbeit ist deshalb oft überzogen, weil die Erwartungen an sie einfach zu hoch sind. Zudem ist eine paternalistische Haltung gerade gegenüber ehemaligen europäischen Kolonien weder angebracht noch zielführend. Die Rolle der internationalen Geber sollte sich auf Unterstützung konzentrieren, nicht auf Vorschriften.

Dies bedeutet nicht, dass Werte keine Rolle spielen sollten. Die Unterstützung von Demokratie und menschlicher Entwicklung haben auch die Einwohner der Region West- und Zentralafrika verdient. Dies gilt umso mehr bei der Verhinderung weiterer Gewalt. Gerade westliche Länder sollten sich bewusst sein, dass es mitunter zu Zielkonflikten kommen kann. Die Priorität von Sicherheitsinteressen bezüglich der islamistischen Bedrohung im Sahel und Westafrika führt häufig dazu, dass Machthaber unterstützt werden, deren Verhalten langfristig den Interessen der internationalen Akteure und der Einwohner der Länder zuwiderläuft. Kurzsichtige Politik kann hier verheerende Folgen haben.